
Isabella und das besondere Feuer
Im sonnigen Dorf Solemar, weit im Süden, scheint die Sonne fast jeden Tag vom Himmel. Die Blumen leuchten in den buntesten Farben, und überall hört man Trommeln, Lachen und fröhliche Musik. Auf dem großen Platz tanzen die Menschen – sie wirbeln, klatschen, drehen sich im Takt. Und mittendrin sitzt ein Mädchen mit wunderschönen dunklen Haaren und großen Augen: Isabella.
Isabella liebt die Musik. Sie hört sie bis in die Zehenspitzen. Doch immer, wenn sie mitmachen will, bleibt sie stehen. Ihre Füße wollen nicht. Ihr Herz klopft zu laut, und sie denkt: Was, wenn alle mich anschauen? Was, wenn ich es falsch mache? Und so schaut sie nur zu – Tag für Tag.
Eines Morgens schleicht Isabella durch die Gärten des Dorfes. Da hört sie zwei alte Frauen flüstern.
„Im Dschungel soll es ein Feuer geben“, sagt die eine. „Ein Feuer, das einem zeigt, wie man stark und mutig wird. Wer es berührt, bekommt das Licht zurück, das er in sich verloren hat.“
Isabella hält die Luft an. Vielleicht … ist das Feuer genau das, was ich brauche, denkt sie. Mutig sein und stark … ja, das will sie! Und noch am selben Tag zieht sie los. Ohne jemandem etwas zu sagen.
Der Weg führt in den tiefen, grünen Dschungel. Es ist warm, alles raschelt und summt. Isabella geht tapfer weiter – auch wenn ihr manchmal mulmig ist. Da – plötzlich flattert ein kleiner, bunter Vogel vor ihr durch die Luft. Er schimmert wie ein Regenbogen.
„Hallo! Ich bin Orio“, piepst er. „Du suchst das Feuer, oder? Komm, ich zeig dir den Weg.“
Gemeinsam wandern sie durch dicke Blätter, über wackelige Wurzeln und durch kalte, glitzernde Bäche. Manchmal rutscht Isabella aus, manchmal will sie fast umdrehen. Aber Orio ruft: „Du kannst das, Isabella! Nur noch ein kleines Stück!“
Dann, endlich, kommen sie auf eine Lichtung. In der Mitte brennt ein Feuer. Aber es ist kein normales Feuer. Es ist bunt – rot, blau, golden, lila. Die Flammen tanzen, fast wie die Leute im Dorf. Und Isabella spürt: Das ist für mich. Das gehört zu mir.
„Das ist das Feuer des Mutes“, flüstert Orio. „Es zeigt dir, wer du bist. Und es zeigt dir auch das, was du oft in dir versteckst.“
Isabella geht langsam näher. Das Feuer wärmt sie, aber es tut nicht weh. Es fühlt sich an wie eine Umarmung. Als sie die Hand vorsichtig ausstreckt und die Flammen berührt, hört sie plötzlich eine leise Stimme:
„Du willst tanzen. Du willst frei sein. Doch da ist etwas in dir, das dich zurückhält. Willst du es sehen?“
Isabella nickt. Das Feuer wird heller – und plötzlich sieht sie Bilder vor sich. Bilder von sich selbst, wie sie am Rand steht, wie sie sich klein macht, wie sie denkt: Ich bin nicht gut genug.
Aus dem Feuer steigen dunkle Nebel auf. Sie flüstern:
„Du bist zu leise. Du bist zu komisch. Du machst alles falsch.“
Isabella erschrickt. Sie will weglaufen – doch dann bleibt sie stehen. Sie schaut genau hin. Und sie merkt:
Diese Stimmen sind nicht echt. Sie leben nur in meinem Kopf. Ich halte sie selbst am Leben.
Langsam atmet sie tief ein. Dann sagt sie laut:
„Ich bin gut, so wie ich bin. Ich darf tanzen. Ich darf leuchten!“
In diesem Moment wird das Feuer noch heller. Die dunklen Nebel verschwinden. Und Isabella spürt etwas, das sie noch nie gespürt hat – Mut. Kraft. Freude. Sie lacht.
„Ich bin bereit.“
Orio fliegt eine kleine Runde um ihren Kopf.
„Dann komm, Isabella. Zeig der Welt dein Licht.“
Zurück im Dorf hat sich nichts verändert – und doch ist alles anders. Die Trommeln spielen, die Menschen tanzen. Und Isabella geht mit festen Schritten auf den Platz. Sie hebt die Arme, dreht sich, lacht – sie tanzt.
Alle schauen zu und freuen sich. Isabella fühlt sich wie neu geboren.
Von diesem Tag an weiß Isabella: Der Mut war immer in ihr. Sie musste ihn nur finden. Und wenn manchmal noch eine dunkle Stimme in ihrem Kopf auftaucht, dann denkt sie an das Feuer im Dschungel – und tanzt weiter.